Anleihen: Darf es ein bisschen mehr sein?

Die Märkte seien heiß gelaufen, heißt es immer wieder. Und dann folgt der Verweis auf die vermeintlich hohen Kurse von Aktien. Was richtig ist: Aktien-Indizes wie der US-amerikanische S&P 500 oder der DAX befinden sich auf Rekord-Niveau. Aber sind Aktien deshalb teuer? Wer kann zuverlässig vorhersagen, ob und wie weit Aktienkurse weiter steigen werden? Schließlich gibt es keine Obergrenze für Unternehmensbewertungen – und schon gar nicht für die Marktkapitalisierung ganzer Länder oder Branchen.  „Anleihen: Darf es ein bisschen mehr sein?“ weiterlesen

Das Land der untergehenden Zinsen

Im Jahr 1963 hat der Meteorologe Edward Lorenz durch Zufall herausgefunden, welch großen Unterschied es machen kann, ob man bei der Berechnung einer langfristigen Prognose die vierte Stelle hinterm Komma berücksichtigt oder weglässt. Die Chaostheorie war geboren – und mit ihr der viel zitierte Schmetterlings-Effekt: Ein Schmetterling, der in Shanghai mit seinen Flügeln wackelt, könnte einen Wirbelsturm in New York auslösen.

Wir erleben seit einigen Jahren sehr eindrücklich, wie Ziffern hinterm Komma dazu führen können, dass Billionenvermögen von einem Kontinent auf den anderen stürmen. Deshalb sollte man auch als europäischer Investor aufhorchen, wenn die Bank of Japan (BoJ) in Tokio mit ihren Flügeln wackelt.

In einer Stellungnahme nach ihrer jüngsten Sitzung hat die japanische Notenbank angekündigt, man werde zukünftig verstärkt die Zinsstruktur im Auge behalten, sprich einen Anstieg der Zinsen am langen Laufzeitende und somit einen „normalen und steileren Verlauf“ der Zinsstrukturkurve anstreben. Dadurch würden Geldanlagen in Abhängigkeit ihrer Laufzeit dann wieder attraktiver verzinst werden.

Kondensiert man diese blumigen Ausführungen auf ihre Kernaussage, bleibt ein Satz übrig, der nichts anderes ist als eine finanzpolitische Revolution: Die Zinsen in Japan werden bald steigen.

Hallo?

Seit 27 Jahren streben die Zinsen in Japan gegen Null, teilweise sogar darunter. Die BoJ nutzt die negativen Zinsen und kauft in großem Stile japanische Staatsanleihen auf. Sie betreibt damit direkte Staatsfinanzierung. Erst im März dieses Jahres hat Japan bei der Versteigerung zehnjähriger Anleihen mit Minus-Renditen umgerechnet knapp 20 Milliarden Euro verdient. Wohlgemerkt: verdient! Und jetzt das? Steigende Zinsen? Warum?

Offensichtlich hat irgendjemand in Tokio bemerkt, dass die fortdauernde Null- oder sogar Negativzinspolitik unangenehme Nebenwirkungen haben kann – ohne dass die Primärziele überhaupt erreicht werden. Die Inflation springt nicht wie gewünscht an, die Wirtschaft kommt nicht in Schwung, und der Aktienmarkt tritt seit 25 Jahren de facto auf der Stelle. Vielleicht könnte ja eine Trendumkehr bei den Zinsen auch eine Trendumkehr bei der Konjunktur bedeuten. Der BoJ jedenfalls scheint die Idee wohl so gut zu gefallen, dass sie den Umkehrschub einschalten will.

Es könnte Signalwirkung haben, mehr noch als die angekündigte Zinswende in den USA. Denn Japan gilt bekanntermaßen Mario Dragi als Vorbild. Vielleicht kommt er ja ins Grübeln. Es wäre dringend nötig. Denn seine Minuszinspolitik schleift die europäische Finanzindustrie und betrifft mittlerweile immer mehr Privatkunden: Die Banken geben die negativen Einlagenzinsen nämlich direkt weiter. Auch die zweite Säule unserer Finanzbranche – die Versicherungen – leidet mehr und mehr unter den Niedrigzinsen. Folge: Die Prämien werden erhöht. Private Krankenversicherungskunden werden das in den kommenden Wochen schmerzhaft zu spüren bekommen.

Ich bin jedenfalls gespannt, ob zum Kirschblütenfest im kommenden März in Tokio die Schmetterlinge mit ihren Flügeln wackeln. Mit etwas Glück lösen sie keinen Sturm, sondern eine warme Brise bei uns aus.